Rätsel der verschwundenen Eiche


Mara ist eine große Stadt an der Küste des Shu-tan-landes. Händler aus den umliegenden Baronien treffen sich hier, um auf ihren Routen zu pausieren. Doch es ist Spätherbst und das Wetter ist launisch. Die meisten Händler verlassen Mara erst wieder, wenn der Winter hereingebrochen ist. Bis dahin folgt ein Regenguß auf den nächsten und die Straßen sind schlammig und die Feldwege mit den großen Wagen unpassierbar. Auch am heutigen Tag regnet es schon seit Stunden und auf den Straßen befindet sich niemand. Diejenigen, die hier wohnen, sind zuhause. Alle Anderen sitzen in Gasthäusern oder Kneipen, geniessen das Dach über dem Kopf und vertreiben sich gegenseitig die Langeweile. Geschichtenerzähler haben zu solchen Zeiten Hochkonjunktur. So auch Orn, ein alter Mann, der schon vieles erlebt hat und seinen Zuhörern manches davon berichtete. Doch an diesem Abend erzählt er keine Geschichte von schöneren Tagen. Nein, stattdessen handelt sie von einem Sturm, der den, der draußen wütet, bei weitem übertraf. Um seinen Tisch sitzen sieben Gestalten, die aus den verschiedensten Gegenden kamen; manche von nah, manche von fern.

Artax war ehemals ein Dieb. Doch er hatte sich eines Tages im Wald verirrt und war dem Verhungern nahe. Er betete zu Longus, dem Gott der Wanderer, er möge ihn erretten. Nachdem er sein Gebet beendet hatte, tauchte hinter dem nächsten Hügel eine Siedlung auf. Seitdem hat er den niederträchtigen Diebstählen abgeschworen und sich zum Rechten bekehrt.

Diabba ist ein Wandermönch des Longusorden, der eine lange Tradition - ja - des Wanderns hat. Sie ist auf dem Weg in die Ta-Iga. Gerade hat sie ihren Meister verlassen, um die Welt fortan selber zu bereisen und nicht nur den Berichten ihres Ausbilders zuhören zu müssen.

Kelf von Falkenstein ist einer von drei gleichalten Brüdern. Da alle Anspruch auf den Fürstentitel ihres Vaters haben, wenn er stirbt, beschlossen sie, alle auf Abenteuerjagd zu gehen, um zu sehen, wer der fähigste von ihnen sei und die meisten Reichtümer nach Hause brächte. Der sollte dann den Titel erben.

Pireus Glendermain ist ein Sumatary und von weit her gekommen. Er will seine Zauberfähigkeiten in der Zivilisation aufbessern und gleichzeitig eine alte Rechnung seines Großvaters mit einem unbekannten Hexer begleichen.

Rantollo kam aus Wiluwid, der kleinen Elfennation in der Ta-Iga. Ausgestoßener unter Elfen kam er zu den Menschen. Doch auch hier geht man nicht sanft mit ihm um. Wehmütig hört er die Geschichten von freundlichen Ländern, in denen das Klima seinem Gemüt besser entspricht.

Shantilla ist eine Bardin, die ihr Repertoire aufbessern will. Von wem könnte man besser lernen, als vom alten Orn, der dreimal so alt ist wie sie? Gespannt lauscht sie jedem seiner Worte und merkt sich jedes genau.

Titan Herold ist der Sohn und Erbe eines Ritters, der beim Fürsten von Otteringen als Herold eingestellt ist. Deshalb trägt Titan diesen Namen als Erinnerung. Der Jüngste der Runde brennt vor Tatendrang und unterbricht Orn oft, um genaueres zu erfahren. Doch dieser lächelt nur über die Ungeduld der Jugend.


Orn: "Ich hatte schon viele gemeinsame Abenteuer mit Simaredech erlebt und viele Gefahren überstanden, doch keine brachte mich so nahe an den Rand des Todes. Der Sturm peitschte die See vor der Küste Irpaliens. Der Hauptmast war geborsten und viele Seeleute waren über Bord gegangen. Simaredech und ich standen an der Reling, hielten uns fest und teilten unser Innerstes. Kalkweiß gab mir Simaredech die Beschreibung zu seinem Schatz, den er vergrub, als er vor langer Zeit von Orks verfolgt wurde und er sich leichter machen mußte. Er schrie mir seinen Schatzplan ins Ohr, doch niemand außer mir konnte ihn vernehmen. Mit diesen geheimen Worten bedachte mich Simaredech in dieser gefahrvollen Stunde. Es waren die letzten, die ich je von ihm hörte. Denn einen Moment später traf uns eine gigantische Welle. Simaredech wurde über Bord gespült und ich sah ihn nie wieder. Später an diesem Tag sank das Schiff und ich verlor mein Bewußtsein zwischen den Wrackteilen im Ozean. Als ich wieder zu mir kam, fand ich mich an einem Strand an der Küste Irpaliens wieder. In der darauffolgenden Zeit beschloß ich, mich zur Ruhe zu setzen. Ich fühlte, daß ich genug Gefahren bestanden hatte. In Mara, meiner Geburtsstadt, wollte ich die letzten Tage meines Lebens verbringen. So kam ich also hierher, ließ mich nieder und wurde Geschichtenerzähler."

Titan: "Was geschah mit dem Schatz?"

Orn: "Er liegt dort noch begraben. Denn ich wollte den Schatz meines Freundes nicht plündern, bis ich nicht von seinem Tod überzeugt war. Und mit der Zeit wurde ich immer älter und jetzt traue ich mir nicht mehr die strapaziöse Reise zu. Heute glaube ich nicht mehr daran, daß Simaredech lebt."

Titan: "Dann laß uns den Schatz für dich heben. Unter der Erde nutzt er niemandem. Wir teilen fifty-fifty mit dir."

Orn: "Meine Freunde, es mangelt mir nicht an Vertrauen zu euch. Es wäre mir lieber, wenn ihr mir jetzt einen Preis für diese Information bezahlt, denn ich kann nicht lange warten. Der hartherzige Wirt will Geld für meine Unterkunft haben."

Pireus: "Wieviel?"

Orn: "Ich dachte an ... 1 Goldstück."

Pireus: "Das können wir aufbringen, nicht wahr?"

Alle: "... zuviel ... du ... mehr ... ich nicht ... blabla... "

[Später; die Spieler sind um ein Goldstück ärmer.]

Orn: "Es ist nett, daß ihr Mitleid mit einem alten Mann habt. Ihr werdet es sicher nicht bereuen. Dies sind die letzten Worte Simaredechs, die sich für immer in mein Gedächtnis eingebrannt haben: "Horch, Orn. Wenn ich den heutigen Tag nicht mehr überlebe, dann hebe du, mein Freund, meinen Schatz. Im Shu-tan-land bei den Zwillingsquellen steht eine hundertjährige Eiche. Von dieser gehe zu rechten Quelle. Wiederhole die Anzahl der Schritte, die du dorthin gegangen bist, nach rechts. Markiere diesen Ort. Wiederhole die Prozedur mit der linken Quelle. Gehe also von der Eiche zur Quelle und dieselbe Anzahl von Schritten nach links. Wenn du diesen Ort markierst, so ist der Schatz in der Mitte zwischen den beiden Markierungen." Seid ihr jetzt die Erben diese gewaltigen Abenteurers, der sein Leben an die See verlor. Doch laßt uns morgen weiterreden, jetzt ist es schon spät. Gute Nacht."

[Alle Ab. Nächster Morgen.]

Orn: "Das war ein gutes Frühstück; ich danke euch, meine Freunde. Ich hoffe, ihr kommt wieder, um mir zu berichten, wie euer Abenteuer ausgegangen ist. Doch nun gebt acht! Ihr müßt in die Ta-Iga, nach Lilab. Ich wünsche euch eine gute Reise."

Titan: "Die Ta-Iga liegt im Westen. Zum Westtor! Zwillingsquellen, wir kommen!"

Pireus: "Wartet einen Moment, wie können doch nicht einfach losrennen! Wir müssen erstmal sehen, wie das Wetter wird."

Kelf: "Na gut, aber beeile dich, Freund, wir haben einen gar weiten Weg vor uns."

Pireus (schaut nach draußen): "Hmmm, also, nun, ähh... wechselnd... würde ich sagen."

[Alle im Regen nach Westen. Nach einer Weile auf einem Dorfplatz.]

Diabba: "Der Weg hört hier auf. Was jetzt?"

Kelf: "Laßt uns einen Einheimischen fragen. Ihr dort, Gesell', kommt einmal her!"

Einheimischer: "Ja?"

Kelf: "Ich und meine Gefährten reisen in die Ta-Iga, der Weg endet aber in diesem, eurem Orte. Wie, frage ich, kommen wir weiter?"

Einheimischer: "Die Hauptstraße aus Vilar führt in die Ta-Iga. Dazu mußt du erst nach Mara, denke ich."

Titan: "Stimmt, ich bin in diesem Land aufgewachsen."

Shantilla: "Und wieso erfahren wir das erst jetzt!?"

Titan: "Tja, ihr habt ja nicht gefragt. Aber wenn ich mich recht erinnere, kann man von hier aus nach Süden gehen und sich den Weg nach Mara sparen. Wir müßten auf die Hauptstraße stossen. Allerdings, wie gesagt, wenn ich mich recht erinnere; ich war ja nie da!"

Kelf: "Seit wann ist hier das gemeine Volk per du mit dem Adel?"

Artax: "Wahrscheinlich sind solche antiquierten Dinge wie Standesunterschiede hier perdü."

Pireus: "Außerdem haben Eure Durchlaucht die Regenkutte über dem fürstlichen Wappen."

Artax: "Ohne diese Kutte wären Eure Durchlaucht bald Eure Durchnäßt. Unser Wetterfrosch hat sich mit dem Wetter nämlich geirrt! Es regnet!"

Shantilla: "Wie auch immer, durch 'rumlabern kommen wir dem Schatz auch nicht näher."

[Auf der Straße durch die Ta-Iga.]

Shantilla: "Jetzt wo wir mitten in der Ta-Iga sind, kann ich euch erzählen, was man über sie berichtet. Wilde Tiere und gefährliche Räuber sollen sich hier aufhalten. Die hohen Tannen der Ta-Iga haben schon manche Schandtat gesehen. Normalerweise geht man nur mit Geleitschutz durch diesen finstren Forst... Und nur mit Gummistiefeln durch diesen Schlamm! Wenn Pireus nochmal Wetter vorhersagt... "

Rantollo: "Wenigstens sind wir auf der Hauptstraße. Nicht auszudenken, wenn wir auf den Feldwegen laufen müßten. Dort vorne sehe ich eine Siedlung. Das könnte Lilab sein."

[In Lilab.]

Kelf: "Holla, mein guter Mann. Sagt, ist dies der Ort der Ta-Iga, den man überall als Lilab kennt?"

Einwohner: "Ja."

Kelf: "Und wo, werter Mann, finden wir die berühmten Zwillingsquellen, die hier in der Nähe entspringen?"

Einwohner(zeigt): "Dort lang."

[Bei den Zwillingsquellen.]

Titan: "Da sind die beiden Quellen. Spaten raus!"

Rantollo: "Wo ist die Eiche?"

Pireus: "Wer wird sich denn durch solche Kleinigkeiten aufhalten lassen? Los, buddelt!"

Titan: "Ich habe schon geschaut, es ist auch kein Baumstumpf da!"

Kelf: "Sollte uns Orn betrogen haben? Ich werde ein weiteres Mal nach Lilab gehen. Vielleicht weiß man von weiteren Zwillingsquellen, oder von hundertjährigen Eichen. Ihr könnt derweil versuchen, eichenähnliche Dinge auszumachen."

[Kelf nach Lilab. Dort.]

Kelf: "Guten Tag allen illustren Gästen dieses Wirtshauses. Sagt, gibt es ein weiteres Paar Zwillingsquellen, außer denen, die einige Meilen im Norden liegen?"

Alle: "Nein."

Kelf: "Dann weiß vielleicht einer der anwesenden Weisen von einer hundertjährigen Eiche in diesen Gefilden zu berichten?"

Alle: "Gröhl... "

Wirt: "Ihr seid hier in der Ta-Iga. Hier gibt es nicht einen einzigen Laubbaum, geschweige denn eine hundertjährige Eiche. Und redet nicht so geschwollen."

Kelf: "Vielen Dank für eure aufrichtige Antwort, werter Gastwirt."

[Kelf wieder zu den Zwillingsquellen. Dort.]

Rantollo: "Auch bei dir nichts neues, Kelf? Dann können wir nur noch umkehren. Wir wissen auch nicht weiter."

Titan(im Hintergrund): "... Hier hätte möglicherweise eine Eiche stehen können... "

Pireus: "Es ist wie verhext. Das einzige, was einen entschädigt, ist das Schauspiel des wütenden Buddlers. Titan ist schon seit Stunden dabei, die Ta-Iga umzugraben. Soviele Eichen, wie er "möglicherweise" gefunden hat, gibt es auf ganz Utanna nicht."

Artax: "Vielleicht wachsen hier ja die Eichen nach unten."

Shantilla: "Wenn ich dieses Abenteuer niederschreibe, werde ich ihm die Hälfte widmen. "Und er war der einzige, dem keine Eiche zuweit hergeholt erschein, um nicht einen Schatz zu verraten." Weckt mich, wenn er genug hat."

Titan: "Ha!!! Ich habe etwas gefunden!!"

Alle: "Zeig her!"

Titan: "Hier ist eine Truhe. Sie ist schwer, helft mit, sie zu heben. Mann, ist die dick. Und verschlossen..."

Artax: "Laß mich öffnen... oh, schon passiert."

Pireus: "Laßt uns die Gold- und Silbermünzen gleich hier verteilen. Die anderen Gegenstände auch."

[Jubel. Die übliche Verteilungsorgie.]

Kelf: "Jetzt ist alles bis auf diesen Spaten verteilt. Wir sollten nach Mara zurückkehren, um dort vielleicht einen Käufer zu finden."

Rantollo: "Ich denke, nach Mara sollten wir sowieso zurückkehren. Dort hat Orn vielleicht noch eine Geschichte auf Lager. Aber ich glaube nicht, daß wir viel Geld für diesen Spaten bekommen werden. Wer braucht schon einen Spaten, der am Schaufelende leuchtet... "

[Alle Ab.]


Die Lösung des Rätsels gebe ich auf Wunsch per e-mail bekannt. Bitte frankierten Rückumschlag beilegen:-).


Copyright 1996 Michael Jung < miju@phantasia.org >
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